Presence in Absence

 

„Presence in Absence“ ist eine digitale Plattform, auf der wir wöchentlich künstlerische Arbeiten und Texte vorstellen, die in dieser durch Covid-19 belasteten Zeit entstehen. Hat sich die Sprache der Künstler*innen in dieser und durch diese besondere Situation verändert…?

Diese Woche präsentieren wir eine neue Arbeiten von Keti Kapanadze.

 

„Presence in Absence“ is a digital platform on which we weekly present artistic works and texts that are created in this time burdened by Covid-19. Has the language of the artists* changed in this and through this special situation?

This week we present a new works by Keti Kapanadze.

Keti Kapanadze
Keti Kapanadze, Echo (Geo.), 2020

Pt.9 Keti Kapanadze

Der Code der Realität

Theoretische Physiker sagen, Realität sei eine Information, aber was ist Information? Information ist Bedeutung, vermittelt durch Symbole. Und was ist ein Symbol, etwas, das sich selbst darstellt oder das auf etwas anderes verweist? Symbole sind letztendlich eine Sprache, mit der wir Informationen beschreiben… Seit dem Beginn meiner Karriere betrachte ich Wörter als Readymades. Ich sehe sie als geometrische Objekte, deren Bedeutung neu entdeckt oder manipuliert werden kann, oder die andere, neue Bedeutungen annehmen können. Mich interessieren unser Bewusstsein und die mentalen Prozesse, um zu verstehen, in welcher Dimension die Informationen zu Wörtern umgewandelt werden. Während die Bedeutung selbst die physische Struktur ist, und ohne den Wahrnehmenden keine Information existieren könnte, gibt es in unserer dreidimensionalen Welt auch andere Dimensionen, deren Wesen uns fast verborgen bleibt, aber mit deren Hilfe wir unsere Realität bauen.

– Keti Kapanadze, 2020

The code of reality

Theoretical physicists say that reality is information, but what exactly is information? Information is meaning, conveyed by symbols. And what is a symbol, something representing itself or referring to something else? Ultimately, symbols are a language describing information… Since the beginning of my career, I have considered words as ready-mades. I see them as geometric objects whose meaning can be rediscovered or manipulated or which can take on other, new meanings. I am interested in our consciousness and mental processes to understand in which dimension the information is transformed into words. While the meaning itself is the physical structure and without the perceiver no information could exist, there are other dimensions in our three-dimensional world whose essence is almost hidden from us, but with whose help we build our reality.

– Keti Kapanadze, 2020

Keti Kapanadze
Keti Kapanadze, Dog (God), 2020
Slawomir Elsner, Portrait eines Jungen (Bruno), 2020, Farbstift auf Papier, 43,8 x 29 cm
Slawomir Elsner, Portrait eines Jungen (Bruno), 2020, Farbstift auf Papier, 43,8 x 29 cm

Pt.8 Slawomir Elsner

„Die Zeichnung erweist sich bei näherer Betrachtung als Darstellung einer Figur, die als gegliedertes Bild aus feinen, einzeln nebeneinander und aufeinander gesetzten Strichen besteht. Auf den ersten Blick lassen sich Farbfelder erkennen, die sich allmählich zu Bildelementen formen und schließlich eine Silhouette bilden. Die Körperkonturen weisen auf eine Person hin, die nicht näher identifizierbar ist, da ihr Gesicht nur schemenhaft wiedergegeben wird. Es entsteht der Eindruck, als würde der Betrachter die Figur durch eine verschwommene Glasscheibe sehen, deren Gesicht unscharf erscheint und bis zur Unkenntlichkeit verändert ist.“

– Auszug aus dem Text von Paulina Dylewicz

Es handelt sich um eine Zeichnung von Bruno, dem Sohn des Künstlers, die in den letzten Monaten entstanden ist, als dieser nicht in die Schule gehen konnte.

„On closer examination, the drawing turns out to be a representation of a figure, which as a structured picture consists of fine lines, placed individually next to each other and on top of each other. At first glance, fields of colour can be seen, which gradually form pictorial elements and finally form a silhouette. The contours of the body point to a person who cannot be further identified because his face is only schematically depicted. The impression is that the viewer sees the figure through a blurred pane of glass, whose face appears blurred and has been changed beyond recognition.“

– Excerpt from a text by Paulina Dylewicz

It is a drawing of Bruno, the artist’s son, which was created during the last months when Bruno could not go to school.

Michael Toenges, Ohne Titel, 2020, Mischtechnik auf Papier, 29,7 x 21 cm
Michael Toenges, Ohne Titel, 2020, Mischtechnik auf Papier, 29,7 x 21 cm

Pt.7 Michael Toenges

Über Malerei

Mir scheint, dass Malerei zerbrechlich ist. Malerei ist je nachdem ein technisches Transportproblem und ein Vergnügen oder aber auch eine Last – aber dieser technische Farbtransport vom Maltisch zur Leinwand hat genauso wenig mit Malerei zu tun, wie die Fingerbewegungen eines Pianisten mit Musik.
Die Malerei blitzt auf in einem Augenblick, in dem die Farben verschmelzen zu einem Farbklang. Es ist ein sehr kurzer Moment, ein heftig verlaufender Prozess. Erst malt man wochenlang auf einer Leinwand herum und es geschieht nichts. Aber dann, urplötzlich kann ich sehen, wie aus dem chaotischen Durcheinander meiner Farben etwas entstehen will. Fast so, als hätte das Bild einen eigenen Willen – fast so, als wäre es ein Lebewesen. Dann erscheint dieses Bild voll und ganz. Für einen Moment verharrt es. Ich kann dann den ganzen Vorgang des Farbtransportes urplötzlich beenden. Jeder Pinselstrich zuviel würde das Bild verletzen.
Und dann bleibt dieser Augenblick der Malerei in einem Bild wie eine Erinnerung bestehen. Die Malerei aber hat sich wieder zurückgezogen. Ich male das nächste Bild oft nur deshalb, um diesem Wunder der Malerei wieder begegnen zu können. Es erscheint mir immer unglaublicher, wie aus Farben etwas entstehen kann, was mich so berührt. Diese Berührung ist für mich Malerei.
Meine Malerei aus diesem Jahr ist wilder, rauer, verwitterter, beiläufiger, unbequemer, störrischer, stürmischer, leidenschaftlicher, dynamischer, impulsiver – und meine Bilder sind schöner denn je zuvor.

– Michael Toenges, 2020

About painting

It seems to me that painting is fragile. Painting is either a technical transport problem and a pleasure or a burden – but this technical transport of paint from the painting table to the canvas has as little to do with painting as the finger movements of a pianist have to do with music.
Painting flashes up in a moment when the colours merge into a colour sound. It is a very short moment, a violent process. First you paint around on a canvas for weeks and nothing happens. But then, all of a sudden, I can see how something wants to emerge from the chaotic mess of my colours. Almost as if the painting had a will of its own – almost as if it were a living being. Then this picture appears completely. For a moment it pauses. Then suddenly I can end the whole process of colour transport. Every additional brush stroke would hurt the painting.
And then this moment of painting remains in a picture like a memory. But the painting has withdrawn again. I often paint the next picture only to be able to encounter this miracle of painting again. It seems more and more unbelievable to me how something that touches me so much can be created from colours. This is painting for me.
My painting from this year is wilder, rougher, weathered, more casual, more uncomfortable, more stubborn, stormy, passionate, dynamic, impulsive – and my paintings are more beautiful than ever before.

– Michael Toenges, 2020

Pt.6 Melissa E. Logan

„The light bulb’s in the basement and garage of Melissa E. Logans parents in Portland Oregon became the subject of a series of Sumi Ink sketches, water colors and oil on paper. The electricity, metal glass, wires provide us with our depended upon light to function. The basement cables being unsteady would short circuit, the bulbs needed to be replaced often, this attention to a faulty system became a metaphor of dependency on the social, economical web. This metaphor began in relation to the pandemic and reaches into human rights, the exposing of abuse of power and modern day lynchings. The first step is to see. Human rights for all sounds like the basis of an egalitarian system, how can we find the short circuits and repair the dysfunctional?“

– Excerpt from a text by Melissa E. Logan, 2020

„Die Glühbirnen im Keller und in der Garage von Melissa E. Logans Eltern in Portland, Oregon wurden zum Gegenstand einer Serie von Sumi Ink-Skizzen, Aquarellfarben und Öl auf Papier. Die Elektrizität, Metallglas, Drähte versorgen uns mit dem Licht, auf das wir angewiesen sind, um zu funktionieren. Die instabilen Kabel im Keller führten zu einem Kurzschluss, die Glühbirnen mussten oft ausgewechselt werden. Diese Aufmerksamkeit für ein fehlerhaftes System wurde zu einer Metapher der Abhängigkeit vom sozialen und wirtschaftlichen Netz. Diese Metapher begann im Zusammenhang mit der Pandemie und reicht bis zu den Menschenrechten, der Aufdeckung von Machtmissbrauch und modernen Lynchmorden. Der erste Schritt ist zu sehen.
Menschenrechte für alle klingt wie die Grundlage eines egalitären Systems, wie können wir die Kurzschlüsse finden und das Dysfunktionale reparieren?“

– Auszug aus Text von Melissa E. Logan, 2020

Pt.5 Roman Lang

„In der Vergangenheit habe ich immer wieder an einer offenen Werkserie namens ‚Reconstructions‘ gearbeitet. Hierfür habe ich gefundene Flyer von Ausstellungen, Konzerten und Partys zerschnitten, neu zusammengesetzt und sie in geometrischen Formationen mit neonfarbigen Flächen und scharfkantigen Bleistiftzeichnungen zu einem neuen dynamischen Bildganzen angeordnet. Damals ging es mir besonders um die für Werbematerial angeeignete Formensprache der Moderne, die ohne jeden Verweis auf den Urheber massenhaft verwendet, produziert und konsumiert wird und somit Einzug in das kollektive Gedächtnis nimmt. Diese Papierarbeiten sind Verweise auf Ereignisse der Vergangenheit. Sie führen uns in Zeiten von Corona schmerzlich vor Augen, an was wir derzeit und auch in Zukunft vorerst nicht mehr teilhaben können… Kunst und Kultur sind Ausdruck menschlichen Daseins. Wer sind wir, wenn all dies aufgrund von Covid-19 nicht mehr stattfindet? Wo begegnen wir uns als Menschen, wo wird uns so ehrlich der Spiegel vorgehalten, werden wir zur Selbstreflexion gezwungen?“

– Roman Lang, 2020

„In the past, I have worked on an open series of works called ‚Reconstructions‘. For this I cut up found flyers from exhibitions, concerts and parties, reassembled them and arranged them in geometrical formations with neon-coloured surfaces and sharp-edged pencil drawings to a new dynamic picture whole. At that time, I was particularly interested in the formal language of modernism, which is used, produced and consumed on a mass scale without any reference to the author, and thus enters the collective memory. These paper works are references to events of the past. In the times of Corona they painfully show us what we cannot participate in at present and also in the future… Art and culture are expressions of human existence. Who are we if all this no longer takes place because of Covid-19? Where do we meet as human beings, where is the mirror so honestly held up to us, are we forced to self-reflection?“

– Roman Lang, 2020

Birte Bosse, Der kopflose Reiter, 2020, Serie aus 12 Einzelblättern, Pigmenttusche auf Papier, je 59,4 x 84,1 cm
Birte Bosse, Der kopflose Reiter, 2020, Serie aus 12 Einzelblättern, Pigmenttusche auf Papier, je 59,4 x 84,1 cm

Pt.4 Birte Bosse

Der kopflose Reiter

Eines Nachts im Atelier, das eigentlich ein Wohnzimmer ist, kommt es über mich. Ich muss dringend mal wieder frei sein. Dazu brauche ich Papier, größer als sonst, und einen Stift, dicker als sonst, denn alles andere ist jetzt auch anders als sonst. Ich beginne „ins Blaue“ hinein zu zeichnen.

Dann tut sich etwas auf. Ich verfolge es, lasse es sich entwickeln. Ach so! Es sind kopflose Sportler. Warum? Klar, sie brauchen Abwechslung in diesem zu engen Zustand. Jeder ist mit sich allein und verkörpert eine Haltung. Die Körperhaltung wird zur Identität. Kein Platz für Gedanken. Man genügt sich selbst und verselbstständigt sich in der Bewegung. Nur Fokus, nur Flow. Endlich mal wieder.

Ich lege alle Blätter nebeneinander auf den Boden bis kein Platz mehr zum Laufen ist. Ich glaube jetzt geht’s wieder. Ich fühle mich wieder frei. Zumindest „freier“ als vorher. Ich würde gerne surfen, doch das geht gerade nicht. Vielleicht erstmal Yoga …

Birte Bosse
Bonn, 20.05.2020

 

The Headless Horseman

One night in the studio, which is actually a living room, it comes over me. I really need to be free again. For that I need paper, bigger than usual, and a pen, thicker than usual, because everything else is different now than usual. I begin to draw „into the blue“.

Then something opens up. I follow it, let it develop. I see. They are headless sportsmen. Why? Sure, they need variety in this too tight condition. Everyone is alone with themselves and they embody an attitude. Posture becomes identity. No room for thought. One is enough for oneself and becomes independent in movement. Only focus, only flow. Finally again.

I put all the leaves next to each other on the floor until there is no more room to run. I think I’m okay now. I feel free again. At least „freer“ than before. I would like to surf, but that is not possible right now. Maybe yoga first…

Birte Bosse
Bonn, 20.05.2020

Pt.3 Alex Grein

„In ihrer zweckentfremdeten Rolle erscheinen die antiquierten Bücher wie einzelne Charaktere, doch die Arbeit weist gleichzeitig auf ihr baldiges Verschwinden hin. So geht es Grein zuletzt in ihren Werken auch um die Frage, welche Gegenstände oder Bilder als ‚Zeitzeugen‘ des Jetzt bleiben.“
(Marina Sammeck, 2019)

„In their role of alienation, the antiquated books appear as individual characters, but at the same time the work points to their imminent disappearance. Thus Grein’s most recent works also deal with the question of which objects or pictures remain as ‚witnesses‘ of the present“.
(Marina Sammeck, 2019) 

Alex Grein ist 1983 in Köln geboren und hat als Meisterschülerin bei Andreas Gursky an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Sie hatte Ausstellungen u.a. im Muzeum Zamkowe, PL, Städtische Galerie Lüdenscheid, Orangerie Schloss Benrath, KIT – Kunst im Tunnel und der Sammlung Philara, Düsseldorf. Alex Grein war in der Ausstellung State of the Art Photography im NRW Forum beteiligt und ist Preisträgerin des MKK Stipendiums für Fotografie (2016). Zuletzt erhielt Sie den KunstSalon Fotografiepreis 2019.

Alex Grein was born in Cologne in 1983 and studied as a master student with Andreas Gursky at the Düsseldorf Art Academy. She has had exhibitions at Muzeum Zamkowe, PL, Städtische Galerie Lüdenscheid, Orangerie Schloss Benrath, KIT – Kunst im Tunnel and the Philara Collection, Düsseldorf, among others. Alex Grein was involved in the exhibition State of the Art Photography at the NRW Forum and is a prizewinner of the MKK Scholarship for Photography (2016). Most recently she received the KunstSalon Photography Award 2019.

Peter Tollens Burg Olbrück, 1. Mai 2020, Tintenstrahldruck auf Canson Arches Photo Rag, 28 x 38 cm; (schwarz, orange, grün, usw. schwarz), 2020, Aquarellfarbe auf gefaltetem Papier, 56 x 76 cm
Peter Tollens Burg Olbrück, 1. Mai 2020, Tintenstrahldruck auf Canson Arches Photo Rag, 28 x 38 cm; (schwarz, orange, grün, usw. schwarz), 2020, Aquarellfarbe auf gefaltetem Papier, 56 x 76 cm

Pt.2 Peter Tollens

Peter Tollens geboren 1954 in Kleve, lebt und arbeitet in Köln. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen institutionellen Ausstellungen gezeigt, u.a. im Kolumba – Kunstmuseum Erzbistum Köln, Museum Wiesbaden, Kunstmuseum Appenzell, MODEM Centre of Modern and Contemporary Arts, HU, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg i. Br., Kölnischer Kunstverein, sowie in zahlreichen Sammlungen (Auswahl: Städtisches Kunstmuseum, Bonn, Vass Collection, Budapest, Kolumba,, Kunstmuseum des Erzbistum Köln, Ege Kunst- und Kulturstiftung, Freiburg i. Br, Staatsgalerie Stuttgart).

Peter Tollens born 1954 in Kleve, lives and works in Cologne. His work has been shown in numerous institutional exhibitions, including Kolumba – Kunstmuseum Erzbistum Köln, Museum Wiesbaden, Kunstmuseum Appenzell, MODEM Centre of Modern and Contemporary Arts, HU, Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg i. Br., Kölnischer Kunstverein, as well as in numerous collections (selection: Municipal Art Museum, Bonn, Vass Collection, Budapest, Kolumba,, Art Museum of the Archdiocese of Cologne, Ege Art and Culture Foundation, Freiburg i. Br, State Gallery Stuttgart).

Heather Sheehan, Social Distancing V., 2020, Öl auf Gesso auf Arches Papier, 18 x 13 cm
Heather Sheehan, Social Distancing V., 2020, Öl auf Gesso auf Arches Papier, 18 x 13 cm

Pt.1 Heather Sheehan

Excerpt from my day-book – Cologne, 21.03.2020

At 9pm, we come out to our balconies and windows, all from the self-isolation of apartments, to clap for those workers who keep us healthy and socially served. The evidence of solidarity in darkness is magical. I feel it pump through my brain and make its way into my heart. Reading Rilke’s letters to Kappus today, he describes sadness and grief as an illness that gives rise to experience and the chance to expand to new levels rather than always to be repeating what we already know. I feel his voice so clearly, the love and hope encouraging us to remain, above all, more curious than afraid.

— Heather Sheehan

 

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