Toter Winkel

In der Einzelausstellung „Toter Winkel“ verwandelt Schirin Kretschmann die Wahrnehmung der leeren Ausstellungsräume in eine physische Erfahrung. Die konzeptuellen und materiellen Transformationen, die sie in ihren Interventionen realisiert, unterwerfen die Beziehung von Betrachter, Werk und Umgebung einer permanenten Wandlung.

Im Obergeschoss der Galerie realisiert die Künstlerin eine streng geometrische Bodenarbeit aus fein gesiebtem Pigmentstaub. Möglicherweise ist nicht jeder Bereich gleich gut einsehbar; nach und nach sammeln sich Staub, Pollen und Insekten auf den verletzlichen Flächen – lauter Dinge, die sich unbeachtet Tag und Nacht durch die Luft bewegen und die von dem Pigment wie von einem Detektor eingefangen werden zu einer stillen Manifestation der vergehenden Zeit.

Schirin Kretschmann (*1980 in Karlsruhe, lebt und arbeitet in Berlin) arbeitet im Spannungsfeld von installativer Malerei und ihren Grenzbereichen zu prozessualen Werkformen. Sie studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, an der ENPEG La Esmeralda in Mexiko City und an der Universität Freiburg. Aktuell arbeitet sie an einem künstlerisch-wissenschaftlichen PhD-Projekt an der Bauhaus Universität Weimar. Ihre jüngsten Ausstellungen hatte sie in der Kunsthalle Baden-Baden, im Kunstmuseum Stuttgart, im Bregenzer Kunstverein, im CAC Centro de Arte Contemporáneo Quito, im CAPC Coimbra, im Kunstverein Salzburg und im Rahmen von „PRODUKTION. Made in Germany drei“ im Kunstverein Hannover.

Ihre erste Intervention mit blauem, auf den Boden gesiebtem Pigment-Gips-Gemisch realisierte Schirin Kretschmann 2015 in der Montagehalle der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Sie bestand aus einem schmalen Streifen, der mit der industriell anmutenden Ausstattung der Halle so scheinbar authentisch harmonierte, dass Besucher ihn erst dann als Intervention wahrnahmen, als sie versehentlich ihre Spuren in der Arbeit hinterlassen hatten.

Die eigentümliche, destruktive Versuchung des Betrachters zur Grenzübertretung charakterisiert auch Kretschmanns spätere Boden-Pigmentarbeiten im Kunstverein Bregenz, im Kunstverein Nürtingen (beide 2016) und bei der „Made In Germany Drei“-Ausstellung im Kunstverein Hannover (2017), die allesamt räumlich viel auffälliger in Erscheinung traten als die Braunschweiger Arbeit.
Der Betrachter ist bei Schirin Kretschmann nicht von vornherein „im Bild“, wie die berühmte Phrase Wolfgang Kemps einst lautete – die Annäherung an ihre Arbeiten findet in von der Künstlerin angelegten, multiplen Situationen des Übergangs von einer Wahrnehmungssituation in eine andere statt.
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